Nina Ort
Institut für deutsche Philologie
Ludwig-Maximilians-Universität München

Referate

C. F. MEYER: DAS AMULETT
Die historische realistische Erzählung als Zeitkritik

Tabellarische Kurzbiographie

1825    11. Oktober, Geburt C. F. M.s in Zürich
1831    19. März, Geburt seiner Schwester Betsy
1837-    Besuch des Zürcher Gymnasiums; 1840 Tod des Vaters; Aufenthalt in Lausanne und
1844    erste Gedichte

1844-    Besuch der Zürcher Universität
1845

1845-    Periode ziellosen Lesens und Schreibens; Rückzug aus der Gesellschaft
1852

1852    Einweisung in die Klinik Préfargier bei Neuchatel
1853    Aufenthalt in Neuchatel (Januar-März) und Lausanne (März-Dezember); Freundschaft mit dem Historiker Louis Vulliemin; erste Übersetzungsarbeiten
1855    Veröffentlichung seiner anonymen Übersetzung von A. Thierrys Tales from the times of the Merovingians
1856    Tod seiner Mutter (vermutlich Selbstmord)
1857    Aufenthalt in Paris (März-Juni); Reise nach München (Oktober)
1858    Aufenthalt in Rom mit Betsy (März-Juni)
1860    Aufenthalt in Lausanne (März-Dezember); Zusammenstellen der Bilder und Balladen von Ulrich Meister
1864    anonyme Veröffentlichung seiner Zwanzig Balladen von einem Schweizer
1868    Bekanntschaft mit François Wille und seinem Kreis
1869    Veröffentlichung des Buches Romanzen und Bilder, erstmals unter seinem vollen Namen
1871    Huttens letzte Tage

1871-    Aufenthalt in Verona und Venedig mit Betsy (Dezember-März)
1872

1872    Engelberg
1873    Das Amulett
1874    Veröffentlichung von Jürg Jenatsch in der Zeitschrift Die Literatur
1875    5. Oktober, Hochzeit mit Luise Ziegler
1876    Veröffentlichung von Jürg Jenatsch in Buchform
1877    Kauf eines Hauses in Kilchberg; Der Schuss von der Kanzel
1879    Veröffentlichung von Der Heilige in Die Deutsche Rundschau (wie alle nachfolgenden Novellen)
1881    Plautus im Nonnenkloster
1882    Gedichte; Gustav Adolfs Page
1883    Das Leiden eines Knaben (veröffentlicht in Schorers Familienblatt); Die Hochzeit des Mönchs
1885    Die Richterin
1887    Die Versuchung des Pescara
1888    langandauernde Krankheit (Januar-Oktober)
1891    Angela Borgia
1892    Einweisung in Königsfelden (Juli)
1893    Rückkehr nach Kilchberg (September)
1894    28. November, Tod Meyers in Kilchberg



Inhalt:

Die Erzählung handelt von Schadau, der zu Beginn des Textes den Vater seines früheren Freundes Boccard aufsucht, da dieser ihm ein Waldstück abkaufen will. Als Schadau dem Alten bei der Suche nach dessen Siegel helfen will, stoßen die beiden auf den durchschossenen Filzhut und ein Marienamulett, die dem toten Sohn gehörten. Durch dieses Ereignis werden bei Schadau Erinnerungen erweckt, die ihn so sehr bewegen, dass er sie niederschreiben will:

Nach dem frühen Tod seiner Eltern wächst Sch. bei seinem Onkel auf. Er wünscht sich ein Pferd und nimmt Fechtunterricht, da es sein größter Traum ist wie sein Vater unter Coligny, einem hugenottischen Feldherrn, zu kämpfen. Er reitet dann ohne irgendwelche Empfehlungen nach Paris, um sich den Traum zu erfüllen. Unterwegs lernt er in Melun in einer Herberge, die er wegen eines Unwetters aufsuchen muss, seinen katholischen Landsmann Boccard, den Pariser Parlamentsrat Chatillon und seine 'Nichte' Gaspard kennen.
In Paris angekommen wird er der Schreiber Colignys. Er trifft auch den Parlamentsrat und seine Nichte wieder und erfährt, dass G. Eine uneheliche Tochter Dandelots, des Bruders Colignys ist. Als sie vom Fenster aus die Predigt des fanatischen Franziskaners Panigarola beobachten, wird Sch. Zeuge wie G. von Graf Guiche beleidigt wird.
Kurz darauf trifft er ihn im Beisein B.s wieder, und es kommt zum Duell. Sch. gewinnt dieses, da B. ihm heimlich sein Marienamulett in die Brusttasche gesteckt hat, der Graf überlebt das Duell nicht. Durch diese Tat gewinnt Sch. Gaspards Liebe.
Der verwundete Coligny lässt die beiden noch am Tag der Bartholomäusnacht trauen und G. behält als Pfand die Pistole ihres Mannes, mit dem sie sich für den Abend verabredet.
Boccard, der seinen Freund schützen will, lockt Sch. abends in den Louvre, wo er ihn festhält. Als er aber von der Hochzeit erfährt, hilft er ihm seine Frau zu retten, die sich dank der Pistole bis jetzt retten konnte. Sch. und seine Frau können entkommen, B. aber wird (mit der Pistole Sch.s) erschossen. Auf der Flucht aus Paris begegnen sie dem alten Fechtlehrer Sch.s, der sie unterstützt.
Auf dem Weg zu Sch.s Familienanwesen erfährt Sch. vom Tod seines Onkels.



Historischer Hintergrund:

1560-72 Karl IX. franz. König, steht aber unter der Regentschaft seiner Mutter Katharina v. Medici.
1562 Blutbad von Vassy (Angriff der Guisen auf die Hugenotten)
=>1562-98 acht Hugenottenkriege
1570 Religionsfriede von St. Germain, Coligny kann den König für eine spanienfeindliche Politik gewinnen
1572 Bartholomäusnacht, "Pariser Bluthochzeit" (Katharinas Tochter Margarete v. Valois und Heinrich v. Navarra), Ermordung von ca. 20 000 Hugenotten (3 000 in Paris)
1598 Edikt von Nantes



Quellen und Entstehung:

Die fünf Hauptquellen:

  • Prosper Mérimée: Chronique du règne de Charles IX (1829)
  • Ludwig Häusser: Geschichte des Zeitalters der Reformation 1517-1648 (1868)
  • Jules Michelet: Histoire de France au seizième siècle. tome IX: Guerres de religion (1856)
  • Leopold Ranke: Französische Geschichte, vornehmlich im 16. und 17. Jahrhundert (1852/54)
  • Wilhelm G. Soldan: Geschichte des Protestantismus in Frankreich bis zum Tode Karls IX (1855)
  • unzählige weitere Quellen, sehr gründliche historische Studien

In den 1860er Jahren bereits erste Entwürfe, Erzählung war aber noch nicht als historische geplant; ab 68 historische Studien.
Wiederaufnahme der Bearbeitung ab Sommer 72, im April 73 Fertigstellung, Veröffentlichung in Buchform im selben Jahr



Meyers Umgang mit Geschichte und die Verarbeitung seiner Erfahrungen:

Fast alle längeren Werke haben einen historischen Hintergrund bzw. historische Protagonisten
Interesse an Geschichte bedingt durch Vater; 19. Jh. = das Jahrhundert der Geschichte, wachsendes allgemeines Interesse
Geschichte stellt Hintergrund dar, Figuren größtenteils erfunden Darstellung der Zeitatmosphäre

Figuren spiegeln Personen aus Meyers Umfeld wider:

  • Schadau - Meyer selbst
  • Boccard - Nüscheler, kath. Jugendfreund Meyers
  • Böhmischer Fechtmeister - Meyers eigener Lehrer
  • Chatillon - Vulliemin
  • Gaspard - junge Bernerin, die Meyers Werben ablehnte?
  • Oheim - Hans Ziegler
Positive Einflüsse seines Paris-Aufenthalts 57



Calvinismus vs. Katholizismus:

Vertreter des Calvinismus: Schadau, sein Oheim, der Parlamentsrat und Gaspard, Coligny
Vertreter des Katholizismus: Boccard, sein Vater, Franziskanerpater Panigarola Die Gegenüberstellung wird am deutlichsten an den beiden Landsmännern Schadau und Boccard:
Beide sind in ihrer jugendlichen Leidenschaft der jeweiligen Glaubensrichtung zugetan und bereit für sie zu kämpfen.

Meyer stellt die zentralen Gegensätze der beiden Glaubensrichtungen auch in seiner Erzählung in den Mittelpunkt des Glaubensdiskurses:
Prädestinationslehre Calvins vs. kath. Heiligen-/Wunderglaube:
So stellt z.B. den "Falken" der Novelle das Marienamulett dar, auf das B. so vertraut, das aber nicht ihm, sondern dem "ungläubigen" Freund das Leben rettet; womit seine Wirkungskraft widerlegt wird.
Allerdings wird auch die Prädestinationslehre in einer Diskussion in der Herberge in Melun von B. widerlegt, da sie nicht mit den zehn Geboten und der Gnade Gottes vereinbar sei, worauf Sch. keine befriedigende Antwort weiß.
(Diese Widersprüchlichkeit beschäftigt den Protestanten Meyer sein Leben lang.)

Die Hauptfigur, der calvinistische Sch. wird als ambivalenter Held gezeichnet:
Wirkt im Vergleich zu Chatillon und Montaigne sehr intolerant und engstirnig
Versteht die Bedeutung seines Wachtraums nicht (Gespräch zw. Seine-Göttin und Steinfrau: "'Nein,' raunte das steinerne Weib, 'sie morden sich, weil sie nicht einig sind über den richtigen Weg zur Seligkeit.' - Und ihr kaltes Antlitz verzog sich zum Hohn, als belache sie eine ungeheure Dummheit.")
Lernt nicht aus seinen Erfahrungen, würde wieder genauso handeln



Kritik am bürgerlichen Leben im Kleinstaat:

  • Sehnsucht nach der "großen Welt", Gefühl des Eingesperrt-Seins in der "Enge" der Schweiz (fasziniert dagegen von der Weltstadt Paris) und den starren Werten des Bürgertums (Wunsch Meyers aus dem bürgerlichen Leben auszubrechen)
  • Das spiegelt auch die Figur Schadau wider, der danach strebt seine Heimat zu verlassen, nach Paris zu gehen, am Krieg teilzunehmen und so zum Helden zu werden (und eine Frau zu finden).
    Allerdings wird kein Held aus ihm, er kann nicht in den Krieg ziehen und das Duell gewinnt er nur durch die Hilfe seines Freundes. Er erreicht alles nur durch Glück, ohne eigenes Zutun.
  • Außerdem hatte Meyer das Gefühl die Geschichte und das "wahre Leben" würden an der kleinen Schweiz vorübergehen ohne sie zu betreffen (verstärkt durch die Neutralität der Schweiz)
    => "Flucht" durch Bildungsreisen.


Das Amulett und der Kulturkampf:

Historischer Hintergrund:
Festhalten der kath. Kirche an den Dogmen von der "unbefleckten Empfängnis Mariae" (1854) und der "Unfehlbarkeit des Papstes" (1871)
=> in Preußen Erlass des "Kanzelparagraphen" (1871, gegen politischen Missbrauch der geistlichen Befugnis), des Schulaufsichtsgesetzes und Verbot des Jesuitenordens (1872)
Ähnliche Reaktionen in der Schweiz

Meyer war auf der Seite des Staates, da er gegen religiösen Fanatismus und für eine "aufgeklärte Religiosität" war.



Literatur:

  • M. Burkhard: Conrad Ferdinand Meyer, Boston 1978
  • H. Kinder/W. Hilgemann: dtv-Atlas Weltgeschichte. Bd. 1 u. 2, München 1999/2000
  • G. Knapp: Conrad Ferdinand Meyer. Das Amulett. Historische Novellistik auf der Schwelle zur Moderne; Paderborn u.a. 1985
  • H. Maync: Conrad Ferdinand Meyer und sein Werk, Frauenfeld u. Leipzig 1925
  • K. Schmitt: Unbehagen im Kleinstaat. Untersuchungen über Conrad Ferdinand Meyer, Henri-Frédéric Amiel, Jakob Schaffner, Max Frisch, Jacob Burckhardt; Zürich u. München 1997
  • A. Zäch: Conrad Ferdinand Meyer. Dichtkunst als Befreiung aus Lebenshemmnisen, Frauenfeld u. Stuttgart 1973




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